Die Kunst des Streitens – oder: Warum Harmonie nicht alles ist
Wer hat das als Kind nicht gehört? „Hört auf zu streiten, brave Kinder streiten nicht!“ oder „Der Klügere gibt nach! Du willst doch kein Streithansl sein?“ Diese Sätze sitzen tief. Viele Paare starten deshalb mit dem frommen Wunsch in die Ehe: „Wir lieben uns doch, also streiten wir nicht.“ Und wenn es dann doch mal kracht, denken sie gleich, die Beziehung hätte einen Knacks. Aber wie soll man plötzlich gut – oder sogar besser – streiten können, wenn man es nie gelernt hat?
Unterschiedlichkeit ist bereichernd
Entspannen Sie sich! Eine Beziehung ganz ohne Meinungsverschiedenheiten? Das ist unmöglich. Wo zwei Menschen ihr Leben miteinander teilen, da prallen Welten aufeinander – unterschiedliche Wünsche, unterschiedliche Tagesformen, unterschiedliche Träume. Konflikte sind der Motor für Entwicklung, auch in der Liebe. Wenn immer alles gleich bleibt und jeder nur nickt, passiert nichts Neues; es wird eintönig und leer, die Lebendigkeit fehlt. Unsere Unterschiedlichkeit ist bereichernd, aber zuweilen auch befremdend, anstrengend, manchmal ärgerlich und sie kann sogar schmerzlich und verletzend sein. Reibung zeigt: Wir sind zwei eigenständige Persönlichkeiten, und wir sind uns nicht egal.
Vorsicht vor dem Teppich!
Gefährlich wird es eigentlich nur, wenn man nicht streitet. Wer seinen Ärger immer runterschluckt und Probleme unter den Teppich kehrt, der stolpert irgendwann gewaltig. Der Haufen unter dem Teppich wird nämlich so groß, dass man nicht mehr drüberlaufen kann. Dann reicht eine Kleinigkeit – die offene Zahnpastatube oder der falsche Tonfall – als berühmter „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen“ bringt. Der Partner steht dann völlig fassungslos da: „Warum regst du dich wegen so einer Lapalie so auf?“ Dabei ging es nie um die Zahnpasta, sondern um all das Ungesagte der letzten Wochen.
Fair Play: 5 Regeln für den guten Streit
Streiten will gelernt sein. Damit aus einem Konflikt keine Scherbenhaufen, sondern neue Lösungen entstehen, helfen diese Regeln:
Der Mut zur Lücke (und zum toten Ast)
Manchmal hilft alles Reden nichts, zumindest nicht für den Moment. Es gibt Konflikte, die lassen sich schlichtweg nicht lösen. Man muss sich damit abfinden und gemeinsam gut damit leben lernen. Stellen Sie sich Ihre Beziehung wie einen großen, prächtigen Baum vor. Er hat starke Wurzeln, einen festen Stamm, viele grüne Blätter und wunderbare Früchte. Und vielleicht gibt es da auch einen einzigen, dürren, abgestorbenen Ast. Wäre es nicht schade, wenn Sie den ganzen Tag nur auf diesen einen toten Ast starren und sich darüber ärgern? Genießen Sie lieber den Rest des Baumes, in seiner vollen Lebendigkeit, und konzentrieren Sie sich auf die Pflege der Knospen, Blüten und Früchte!