Vom Umgang mit Verletzungen – Vergeben, Versöhnen und Heilen
Wo Menschen zusammenleben, da „menschelt“ es: Jeder und jede von uns hat schon Kränkungen und Verletzungen erfahren – im Job, unter Freunden oder Nachbarn. Aber nirgendwo treffen uns Verletzungen so tief wie in der Partnerschaft. Genau deshalb ist es wichtig, einmal aufzuräumen mit den frommen Missverständnissen rund um das Thema Vergebung.
„Einfach vergessen“ funktioniert nicht
Der Satz „Das musst du eben vergessen“ ist gut gemeint, aber völliger Unsinn. Echte Wunden lassen sich nicht auf Knopfdruck löschen. Wer Schmerz einfach nur verdrängt oder herunterschluckt, tut sich keinen Gefallen – Kränkungen können im wahrsten Sinne des Wortes krank machen. Ein heldenhafter Willensakt funktioniert hier nicht. Vergebung und Versöhnung können nur in Freiheit gelingen. Es sind Prozesse, die Zeit brauchen und zu denen man sich nur völlig freiwillig entscheiden kann.
Rache ist selten süß
Natürlich juckt es manchmal in den Fingern, es dem anderen „heimzuzahlen“. Rache ist oft der verzweifelte Versuch, das eigene Selbstwertgefühl wieder aufzubauen und ein Gleichgewicht herzustellen. Aber der Preis ist hoch. Rache heilt die eigene Wunde nicht, sie reißt oft nur neue auf.
Manchmal muss man sich auch eine unbequeme Frage stellen: Halte ich an meiner Kränkung fest, weil sie mir nützt? Dient sie mir als Waffe für den nächsten Streit? Oder nutze ich eine vorgegebene Vergebung nur, um eine unerträgliche Situation erträglicher zu machen und als Ausrede, um nichts verändern zu müssen?
Der kleine, feine Unterschied: Vergeben vs. Versöhnen
Hier werden oft zwei Dinge in einen Topf geworfen, die nicht zwingend zusammengehören:
Gefühle als Warnleuchten
Wenn wir verletzt werden, meldet sich die Seele lautstark: Wut, Ärger, Angst, Scham oder totale Ohnmacht, Verlust, Trauer. Das fühlt sich furchtbar an, ist aber völlig normal und ein gesundes Zeichen. Betrachten Sie diese Gefühle wie Warnleuchten auf dem Armaturenbrett Ihres Autos: Sie wollen Ihnen etwas sagen. Unterdrücken Sie diese Gefühle nicht, sondern geben Sie ihnen Raum und erkennen Sie sie an. Nur so können sie bewältigt werden und man kann konstruktiv mit ihnen umgehen.
Wie Heilung gelingen kann
Der Weg zum inneren Frieden beginnt also mit dem Spüren der eigenen Wunden. Eine Wunde muss offengelegt werden, damit sie heilen kann. Im zweiten Schritt geht es darum, etwas Distanz zu gewinnen und die Perspektive zu wechseln: Wie sieht die Sache aus der Sicht des anderen aus? Welchen Anteil trage ich vielleicht selbst daran? Wichtig dabei: Das bedeutet nicht, dass Unrecht plötzlich zu Recht wird. Es kann durch Vergebung nicht ausgelöscht werden. Aber der Blickwinkel weitet sich.
Der Glaube kann dabei helfen, sich innerlich zum Frieden zu entschließen und Vergebung entstehen zu lassen. Was aber nicht hilfreich ist, ist die Moral-Keule: Ein falsches Gottesbild, das von uns verlangt, negative Gefühle einfach abzuschneiden und immer nur nett zu lächeln, ist keine Unterstützung. Glaube bedeutet hier eher: Darauf vertrauen, dass Raum für Heilung da ist. Ein starkes Bild dazu ist Jesus nach der Auferstehung: Er wünscht seinen Jüngern Frieden – und zeigt ihnen gleichzeitig seine Wunden. Die Narben bleiben, aber der Friede ist trotzdem wieder möglich.